Buchvorstellungen und Rezensionen

Ohne sie wären die Hauptkategorien witzlos.
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Dis Pater
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Buchvorstellungen und Rezensionen

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 09. Oktober 2014, 09:45

Willkommen im Faden für Buchvorstellungen!

Hier könnt ihr Bücher, die ihr besonders toll oder aber besonders schlecht findet, genauer besprechen.
Bitte immer nur ein Buch/eine Reihe pro Post.

Wenn ihr über die Rezensionen dann diskutieren wollt, empfehlen wir den separaten Diskussionsfaden.
Wir freuen uns auf eure Beiträge!

:)
Ceterum censeo Cthulhu esse excitandum!

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Dis Pater
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Marcus Gladiator: Zeit der Rache

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 09. Oktober 2014, 10:36

Endlich ist es geschafft! Mit dem inzwischen vierten, knapp 300-seitigen Band seiner Jugendbuchreihe "Marcus Gladiator" bringt Simon Scarrow die Reise unseres Helden Marcus zu einem sinnvollen Ende. Hoffen wir, dass der Verlag ihn nicht mit viel Geld dazu überredet, noch Fortsetzungen zu schreiben. Scarrows "Zeit der Rache" (bloomoon, 2014) hätte eine solch künstliche Verlängerung nicht verdient. Manchmal sollten Geschichten auch einfach abgeschlossen sein dürfen.

Worum gehts? (Spoiler-frei)
Der junge Marcus - wir erinnern uns: unrechtmäßig versklavt, zum Gladiator ausgebildet, von Caesar als Leibwächter eingesetzt und nach seiner Bewährung im Feld schließlich freigelassen - ist noch immer auf der Suche nach seiner Mutter Livia. Diese war vom Steuereintreiber Decimus als Sklavin gekauft und auf sein Landgut zum Arbeiten verschleppt worden. Nun, da ihr Sohn mit seinen Gefährten Festus und Lupus nach vielen Umwegen endlich wieder in Griechenland ist, beginnt die Jagd auf Decimus, mit der die Rettung Livias unweigerlich verbunden zu sein scheint. Es gilt, das Landgut zu finden und den Steuereintreiber für seine Verbrechen zahlen zu lassen. Doch in jedem Ort auf dem Weg scheint sich den Reisenden ein neues Hindernis in den Weg zu stellen. Marcus uns seine Freunde werden bedroht, verjagt und zusammengeschlagen, ja beinahe getötet. Zunehmend stelllt sich die Frage, ob ihr Widersacher nicht doch zu mächtig ist. Werden die drei am Ende Livia befreien können? Dazu müssen sie zuerst all ihren Mut und ihre Stärke zusammennehmen und beweisen müssen.

Handwerkliches (Achtung: Spoiler!)
Wie auch schon in den letzten drei Büchern beweist der Autor mit dem Abschlussband der Reihe, dass er sehr gut für Jugendliche schreiben kann. Das Buch liest sich flüssig, verharrt nicht bei historischen Erklärungen und trifft immer den richtigen Tonfall. Es wirkt nur an wenigen Stellen etwas zu gezwungen pädagogisch und erlaubt sich sogar politische Unkorrektheiten, die in der heutigen Zeit sehr erfrischen wirken können. So gibt es seit der kurzen Begegnung mit Caesars Nichte - und abgesehen von Marcus' Mutter - überhaupt keine Frauenfiguren mehr in der Geschichte. Wenn man es genau nimmt, gibt es überhaupt keine Sexualität mehr. Selbst der Missbrauch Livias durch Decimus wird am Ende nur äußerst oberflächlich angedeutet und wird von der Zielgruppe wahrscheinlich überhaupt nicht als solcher erkannt werden. Auch werden intellektuelle Begabungen und Interessen durchweg als unnütz und lächerlich abgetan, was der arme Lupus vor allem in Athen zu spüren bekommt. Stattdessen gibt es vor allem eine Menge handfester Gewalt (aber kaum Tote) und immerzu die Träume und Gewissensbisse eines Dreizehnjährigen, dem Sohn des Spartakus, der nur in Frieden und Freiheit leben will, aber dummerweise zu einer Tötungsmaschine ausgebildet wurde.

In genau diesem Punkt - der Auseinandersetzung mit seinem eigenen Schicksal, sowohl was die eigene Abstammung als auch die Ausbildung betrifft - zeigt "Zeit der Rache" dementsprechend auch seine größten Stärken und Schwächen. Einerseits ist es spannend zu sehen, wie Festus als Vaterfigur den jungen Marcus zu einem aufrichtigen Mann erziehen will, der seine eigenen Entscheidungen trifft und sich dabei nicht nur von seinem Wunsch nach Rache antreiben lassen soll, andererseits findet die innere Auseinandersetzung zwischen den Optionen, die Marcus hat, viel zu knapp statt und entbehrt einiger - selbst einfachster - Argumente, wieso man sein Leben auf eine bestimmte Art und Weise führen solle. Das ist - auch vor dem Hintergrund der Herabsetzung der griechischen Philosophen zu abstrakten Hippies - problematisch. Hier hätte ein Dialog mit den Griechen vielleicht Abhilfe schaffen können, doch leider werden diese Figuren allesamt nur als oberflächliche Statisten benutzt, genauso wie die historischen Stätten nur nette Kulisse bleiben. So besuchen die Reisenden zwar das Orakel von Delphi und bekommen sogar einen weisen Spruch vorgesagt, doch die Auseinandersetzung mit diesem Schicksal reduziert sich auf "alles Hokuspokus" auf der einen und "das muss was bedeuten" auf der anderen Seite. Wie man diese beiden Positionen zusammenbringen könnte, wird nicht untersucht.

Abgesehen von diesen Kleinigkeiten, die mich wahrscheinlich nur aus beruflichen Gründen überhaupt irritieren, ist die Geschichte spannend erzählt. Man ertappt sich als Leser dabei, schon zur Hälfte Vermutungen über das Ende aufzustellen und traut Scarrow dann wohl doch mehr zu, als sich selbst. Das Finale kommt sehr unspektakulär daher und ist schnell vorüber. Gewalt ist in der römischen Antike eben ziemlich schnell ziemlich tödlich. Das leicht offene Ende erfreut dann das Leserherz. Es bietet vor allem der eigentlichen Zielgruppe einen Anknüpfungspunkt, um sich die weitere Geschichte der Überlebenden selber auszumalen.

Fazit
Ein solider, wenn auch nicht sonderlich innovativer Abschluss der Reihe. Historisch soweit korrekt und trotzdem unterhaltsam und kurzweilig. Für Jungs (und interessierte Mädchen!) ab 13 uneingeschränkt zu empfehlen. Darunter wäre mir das Buch wohl zu blutig, aber das muss jedes Elternteil für sich ausmachen. Auf jeden Fall sollte man als Erwachsener vorher mal reinlesen. Aufgrund der kurzen Kapitel bietet sich das Buch auch zum Vorlesen an! Einige Stellen fordern gerade dazu auf, sich mit seinem Kind über gewisse Themen nochmal separat zu unterhalten. (Etwa über die korrekte und einheitliche Verwendung von "c", "k" und "z" im Lateinischen, nicht wahr, Herr Scarrow ;) )
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Peter Sloterdijk "Streß und Freiheit"

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 24. Dezember 2014, 12:33

Am Anfang steht eine eher simpel anmutende Frage: Warum existieren die westlichen, aufs Individuum fokussierten Gesellschaften eigentlich noch? Oder anders formuliert: Müsste der soziale Zusammenhalt angesichts des subjektiven Strebens nach Selbstverwirklichung nicht schon längst zerrissen sein? Was hält uns noch immer mit unseren Mitmenschen zusammen, wo wir doch alle nach egozentrischer Freiheit von Allem Streben? Peter Sloterdijks These dazu lautet: Streß. Oder genauer: Von den letzten Nicht-Egomanen über die modernen Massenmedien induzierte Unruhe, die als Gegendruck zum Freiheitsdrang wirke. So weit, so klar ist dann auch der Titel seines 2011 bei Suhrkamp erschienenen Aufsatzes "Streß und Freiheit" (sic!).

Inhalt:
Auf den insgesamt knapp sechzig Seiten Text legt Sloterdijk nach diesem fulminanten Auftakt nun dar, was für seine These spricht. Er beleuchtet den modernen, Rousseau geschuldeten, negativen Freiheitsbegriff - im direkten Vergleich mit dem der Antike. Er schlägt von dort aus die Brücke zur Definition von Unfreiheit im modernen und antiken Sinne und formuliert schließlich die Idee der "Tyrannei des Realen", der man nur durch Romantisierung der Freiheit entkommen könne. Aber wieso sind wir dann nicht schon längst alle zu dekadenten, selbst-fokussierten Romanciers, Eskapisten oder "unnützen Künstlern" verkommen? Weil es noch immer Realisten gebe, die seit zweihundert Jahren damit beschäftigt seien, die libertären Träumer zurück auf den Boden der Realität zu holen, oder in Sloterdijks Formulierung: "die Radioaktivität des Subjekts" einzudämmen. Diese Freunde der Wirklichkeit hätten erkannt, dass die Menschheit ohne soziale Bindungen dem Untergange geweiht sei - wir seien eben grundsätzlich noch immer aufeinander angewiesen. Deshalb müsse man den Kampf führen, die Menschen wieder mit der Realität zusammenzubringen, und damit auch mit dem Stress, den Verpflichtungen und den Belastungen, die diese objektive Wirklichkeit mit sich bringe. Da helfe auch kein Konstruktivismus im klassischen Sinne, denn das Subjekt müsse sich eingestehen, dass es eben keine so große Rolle in der Welt spiele, wie von Glasersfeld und die ganzen anderen Vordenkern der immer noch populistischen Konstruktivismus-Lehre behauptet. Vielmehr müsse man sich die Geistesgeschichte des 18. und 19. Jh.s. in ihrem Kampf gegen die Subjektivität anschauen, um zu verstehen, welche Wege zur Versöhnung zwischen Individuum und Gesellschaft schon versucht worden seien. Der letzte schließlich sei jener, die Gesellschaft durch stress-integrierte Kraftfelder zusammenzuhalten.

Meinung:
Ehrlich gesagt war "Streß und Freiheit" ein Spontankauf. In einer Zeit in der ich mich manchmal extrem gestresst fühlte und mir etwas mehr Freiheit erhoffte, lag ausgerechnet dieser schmale Band in der Buchhandlung meines Vertrauens provokativ vor mir aus. Da musste ich ihn einfach mitnehmen, Auch weil es die Gelegenheit war, meine erste ernsthafte Begegnung mit Sloterdijk in einem überschaubarem Rahmen zu betreiben. Das der Autor dann aber auch noch recht klar schreibt (die wenigen Fremdwörter und Entlehnungen aus den klassischen Sprachen seien ihm verzeihen), dies sogar über ein Thema, welches aktueller kaum sein könnte - und dass er dann auch noch eine These vertritt, die ich nicht für völlig abwegig halte, die in ihrer Hauptaussage dann auch unweigerlich an meine eigene Person rührt, mich also direkt betrifft (denn schlagen nicht die Herzen des Realismus und des Eskapismus gleichermaßen in meiner Brust): ein wunderbarer Glücksfall.

Vielleicht gefällt mir der Aufsatz aber auch deshalb so gut, weil er ausnahmsweise mal nicht stark tendenziös geschrieben ist, weil der Autor nicht schon im Voraus ein Urteil gefällt hat, das er nun nur noch dem Leser aufdrücken will, ja, weil selbst am Ende nicht ganz klar wird, was Sloterdijk nach der Lektüre des Textes von seinem Publikum erwartet. Damit wird er übrigens nur seinem eigenen Anspruch gerecht: neugierig zu sein, über die Frage zu staunen und ggf. ausprobieren, wie die Lösung für das vorgestellte Problem aussehen könnte. Ein genuin philosophischer Gedankengang versteckt sich hinter der scharfsinnigen Analyse. Nur einem einzigen Vorschlag aus der Geschichte: der erzwungenen Einigkeit des Willens, der vermeintlichen Freiheit in der Gleichschaltung der Masse, dem widerspricht er. Doch ansonsten ist die Diskussion, ist die Zukunft der Gesellschaften noch offen und Sloterdijk schickt sich nur an, diesen Diskurs zu befeuern.
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Moreno-Garcia / Stiles "Future Lovecraft"

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 05. Januar 2015, 15:54

Die Lektüre der letzten cthuloiden Kurzgeschichten liegt nun schon eine ganze Weile zurück und es hat zudem ein neues Jahr begonnen, langsam wird es also wieder Zeit. Passend zum aktuellen Stimmungsbild stehen nun erstmal drei Anthologien an, die den Mythos, bzw. generellere lovecraftsche Themen mit Science-Fiction im Allgemeinen verbinden. Den Anfang macht "Future Lovecraft" (Prime Books, 2012), hrsg. von Silvia Moreno-Garcia und Paula R. Stiles, die beide auch schon für den soliden Band Historical Lovecraft (Innsmouth Free Press, 2011) verantwortlich waren.

Zum Inhalt
Anders als viele andere Sammlungen wartet Future Lovecraft mit einem - auf den ersten Blick - ziemlich umfangreichen aber leider fehlerhaften Inhaltsverzeichnis auf. Auf den 281 luftig gedruckten Seiten sind insgesamt 38 Texte zusammengepfercht, von denen der kürzeste nur eine Seite, der längste 14 Seiten Umfang aufweist. Die Einleitung klärt auf: Nicht nur Kurzgeschichten, sondern auch Gedichte wurden gesammelt und abgedruckt. Unter den Autoren befinden sich bekannte Namen wie Schwader, Webb, Tanzer und Grey, aber ansonsten vor allem unbekanntere oder neue Autoren, die alle eine viertel- bis halbseitige Vorstellung spendiert bekommen, was das Verhältnis von Seiten zu Inhalt genauso ungünstig beeinflusst wie die vielen Blanko-Einschübe zwischen den einzelnen Geschichten. Lässt man die Poetik beiseite, so bleiben schließlich 28 Texte übrig, die einen genaueren Blick wert sind und die zusammen ein breites Spektrum an Ideen, Orten, Zeiten, Nationalitäten und Perspektiven abdecken. Eigentlich sollte hier für jeden etwas dabei sein, wenn ...

Kritik
... ja, wenn der Band denn (1) halten würde, was er verspricht: nämlich Science-Fiction-Geschichten zu liefern, und (2) diese dann auch noch durchgehend von einer Qualität wären, bei der sich nicht ständig die Zehennägel aufrollen wollen und man sich überwinden muss, das Buch wieder zur Hand zu nehmen. Was haben die Herausgeber eigentlich getan? Geschlafen? Wo war die Qualitätssicherung? Wo der Anstand, einigen der Autoren die Veröffentlichung zu verweigern oder zu Nachbesserungen aufzufordern?

Um es kurz zu sagen: Der absolute Großteil der in diesem Band präsentierten Erzählungen ist nicht ansatzweise gruselig. Er bringt kein Gefühl des Schreckens, keine Angst, keine Spannung - ja überhaupt keine Atmosphäre oder Emotion hervor, außer absoluter Langweile. Insgesamt nur 14 Texte lassen sich überhaupt als science fiction bezeichnen. Zieht man davon nun noch alle Texte ab, bei denen das Thema nur aufgesetzt ist und eigentlich überhaupt keine Rolle spielt, reduziert sich die Zahl auf unter zehn (nach meiner Zählung sind es acht, aber das ist wahrscheinlich in Einzelpunkten debattierbar). Diese wiederum ließen sich in der Regel wohl auch als Seefahrer-Geschichten umschreiben, da Technologie hier stets nur in Form von Transportmitteln überhaupt vorzukommen scheint. Nur extrem wenige Geschichten beschäftigen sich überhaupt mit den Auswirkungen technischer und/oder sozialer Veränderungen. Nick Mamatas "Inky, Blinky, Pinky, Nyarlathotep" mit seinem VR-Fluchtschiff, welches selbst auf Partikelebene noch von den Dunklen Göttern heimgesucht wird, ist eine davon. "Harmony Amid the Stars" von Ada Hoffmann mit seinem psychologischen Tiefenraum-Horror wohl auch, "Tloque Nahuaque" von der Beinahe-Physikerin Nelly Garcia-Rosas, die sich mit dem CERN-Teilchenbeschleuniger auseinandersetzt, wohl mit Sicherheit. Diskutieren kann man über die Beiträge von Michael Matheson, dessen Mutterkomplex-Idee aber nicht im Weltraum verhaftet sein muss; über den von Don Webb, der in "The Comet Called Itaqua" Raumfahrer-Kannibalismus ergründet, über den von Leigh Kimmel, indem sich ein Minen-Asteroid einen unerwünschten Begleiter einfängt. Aber darüber hinaus?

Ist es wirklich Sci-Fi-Horror, wenn Orrin Grey in "The Labyrinth of Sleep" mittels einer Maschine in die Traumlande eintaucht? Oder hat er nur zuviel Inception gesehen? Denn das Resultat wäre auch ohne die Maschine das Gleiche wie bei den Traumreisen des Randolph Carter. Ist es wirklich Sci-Fi-Horror, wenn Tucker Cummings in "Concerning the Last Days of the Colony at New Roanoke" die Geschichte einer neuen Siedlung erzählt, deren Hinterlassenschaften nach der Entdeckung eines uralten Tempels nur noch ein großes Puzzle sind? Zugegeben, die Art der Präsentation hier ist gelungen, aber hätte man die Geschichte nicht genausogut in jedem Teil unserer heutigen Welt ansiedeln können? Ist es tatsächlich Sci-Fi-Horror, wenn Meddy Ligner in "Trajectory of A Cursed Spirit" die Geschichte eines politisches Häftlings erzählt, der anstatt in einem "Gulag" in einem "Marslag" landet, nur um dort dann eine Tür zu finden, hinter der sich das Grauen verbirgt? Ein Motiv, das übrigens genau so wenige Seiten früher von James S. Dorr in "Dark of the Moon" schonmal bemüht wurde (und noch viel öfter im Band zu finden ist). Reicht es schon zum Titulierung als Sci-Fi-Horror, wenn E. Catherine Tobler und Pamela Rentz völlig banale Alltags-Geschichten über Putzfrauen und Marktaufseher auf Raumbahnhöfe oder -stationen verlegen? Und der Rest ist noch schlimmer. Was hat eine (zugegebenermaßen gut geschriebene) Geschichte über das schreckliche Schreibmaterial der alten Ägypter und Griechen in einem Sci-Fi-Band verloren (Helen Marshall, "Skin")? Wieso darf Sean Cravens "Deep Blue Dreams" als science fiction durchgehen, wo es doch nur eine 08/15-Drogengeschichte ist? Oder Ezeiyoke Chukwunonsos "The Last Man Standing"? Was hat dieser grottenschlecht geschriebene, nicht-recherchierte und nicht-lektorierte Text überhaupt mit weird-Literatur zu tun? Sind Viren und Verschwörungstheorien jetzt schon science fiction?

Vielleicht würde das Urteil hier nicht ganz so hart ausfallen, wenn - wie schon angemerkt - wenigstens die Qualität stimmen würde. Aber teilweise sind die Texte eine Zumutung. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier einfach drauf losgeschrieben wurde. Für einige Autoren war es wohl die erste Veröffentlichung, aber die meisten rühmen sich mit Publikationen und Preisen! Wenn man noch einen deutlicheren Beleg dafür braucht, dass diese Preise inflationär vergeben werden, dann weiß ich nicht, wie der aussehen könnte. Beim Lesen dieses Schunds kam mir jedenfalls öfter der Gedanke, dass die Bezeichnung "weird" bzw. "kosmischer Horror" manchmal anscheinend nur als eine Ausrede für schlechte Schreibe verstanden wird. Die wenigen Perlen im Buch muss man jedenfalls lange Suchen - und wird sie auch nur finden, wenn man sich vom Label "science fiction" trennt. So schreiben etwa Mitchell, Boulanger, White, Seale, Tanzer und Cranestone ziemlich ansprechend, gehören für mich aber in die Gesellschaft anderer klassisch-cthuloider Geschichten. Um die Geschichten von Hubbard und Chukwunoso hingegen sollte man - wie um die unsäglich schlechte Poetik - einen großen Bogen machen. Bloße Zeitverschwendung.

Fazit
Es lässt sich leider nicht anders zusammenfassen: Moreno-Garcia und Stiles versagen bei Future Lovecraft als Herausgeber - auf der ganzen Linie. Ich kann daher niemandem raten, sich diesen Schundband zuzulegen, der nur aufgrund seines Negativ-Beispiels ein Bleiberecht in meiner cthuloiden Bibliothek erhält. Und das wahrscheinlich auch nur bis zum nächsten Umzug - oder bis er mit seinen Fehlern in der Schreibgruppe vollends demontiert worden ist. Schade, sehr schade. Aber jedes andere Urteil wäre schlichtweg unehrlich und würde die Augen vor den unzähligen Schwächen und Fehlern dieses Bandes verschließen. Absolut keine Kaufempfehlung!
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Tetens ,,Wissenschaftstheorie - Eine Einführung"

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 20. Januar 2015, 21:13

Eigentlich nur spontan als Notfalllektüre für eine längere Wartezeit angeschafft, hat mich die kurze wissenschaftstheoretische Einführung aus der inzwischen berühmten Beck'schen Reihe positiv überrascht. Tetens, von dem ich auch schon den extrem hilfreichen Band "Philosophisches Argumentieren" im Regal stehen habe, gelingt es, größtenteils gute Beobachtungen zu den Eigenarten der modernen Wissenschaften zu formulieren. Insbesondere zu den Idealen wissenschaftlicher Forschung, zu ihren Problemen und Grenzen findet Tetens deutliche und zudem differenzierte Worte. Auch die schwierigen Verhältnisse zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, Wissenschaftlichkeit und Mathematik sowie wissenschaftlicher und religiöser Weltsicht werden aus realistischer und wertschätzender Perspektive thematisiert.

Kritik hat das Buch nur an den Stellen verdient, an denen der Fachwissenschaftler sich wider besseres Wissen in komplexere Fachsprache versteigt, ohne den interessierten Laien, für den das Buch ja in erster Linie geschrieben ist, mitzunehmen. Hier heißt es: Augen zu und durch. Dafür entschädigt Tetens immerhin mit ein paar sinnvollen Literaturempfehlungen und einigen äußert informativen, teils bissigen Anmerkungen. Es bleibt jedenfalls zu Wünschen, dass ein größerer Teil der Bevölkerung Einführungen wie die dieses Autors liest. Bei der bedeutenden Rolle, die die Wissenschaften in unserer Gegenwart spielen, wäre das eigentlich dringend notwendig.

post scriptum: Es ist eine spannende Sache, einen Online-Beitrag mal in Gänze per Hand zu schreiben. :)
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Pogorzelski "Die Prätorianer. Folterknechte oder Elitetruppe

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 31. März 2015, 17:38

Genau zwanzig Jahre nachdem Hans Dieter Stöver mit seinem Band "Die Prätorianer. Kaisermacher - Kaisermörder" (Langen Müller, 1994) die letzte Überblicksdarstellung zur wohl interessantesten Einheit des römischen Militärs ablieferte, schickt sich nun der Spirituosenverkäufer (und angeblich ehemalige Offizier der Bundeswehr) Ritchie Pogorzelski mit seinem Band "Die Prätorianer. Folterknechte oder Elitetruppe?" (Nünnerich-Asmus, 2014) an, unser Wissen zu aktualisieren. Allerdings weißt schon ein erster flüchtiger Vergleich darauf hin, dass Pogorzelski dabei nicht direkt in die Fußstapfen seines Vorgängers treten will (von dem er sich bereits mit einem Zitat im ersten Satz seiner Einleitung distanziert), sondern einen ganz anderen Ansatz verfolgt, der die Prätorianer-Garde in ein positiveres Licht rücken will. Auf deutlich weniger Seiten und mit unzähligen Abbildungen aus der Reenactment-Szene angereichert, versucht sich "Folterknechte oder Elitetruppe?" an einer deutlich strukturierteren Darstellung als es noch bei Stöver der Fall war. Wo letzterer allein eine chronologische Geschichte der Garde unter einer handvoll ausgewählter Kaiser von Caligula bis Konstantin erzählt, beginnt Pogorzelski mit einer von der Historiographie weitgehend losgelösten Vorstellung der Truppe (im 1. Jh.), bevor er dann - beginnend bei Augustus und endend bei Constantin - jeden einzelnen Kaiser aus vier Jahrhunderten mit seiner Verbindung zu den Prätorianern in den Blick nimmt.


Genaueres zum Inhalt - Nützliches und Problematisches
Positiv hervorzuheben ist direkt zu Beginn, dass der Autor begrifflich klar zwischen einer Leibgarde und einer Leibwache unterscheidet, was für Laien vor allem in Bezug auf das Verständnis der Rollenverteilung zwischen germanischen Leibwächtern und den Prätorianern hilfreich sein dürfte. Denn von einem Laien und für Laien ist das Buch geschrieben, was sich schon auf den ersten Seiten an den im Text durchgehend fehlenden Literaturangaben und -verweisen feststellen lässt. So werden etwa Cassius Dio, Seneca und Tacitus mehrfach als Quellen genannt, eine Angabe der Fundstellen liefert der Autor jedoch nicht bzw. nur bei direkten Zitaten, die zunächst mehr als "optischer Schmuck" eingefügt sind. Nachdem der Leser auf diese Art der oberflächlichen Erzählung drei Seiten lang mit einer Kurzvorstellung der Prätorianer berieselt wurde - die wohl einen Kontext zum organisatorischen ersten Teil des Buches liefern soll, dabei aber keinen roten Faden aufweist, sondern sich wie eine lose Aneinanderreihung interessanter Fakten liest - steigt Pogorzelski endlich in die eigentliche Darstellung der Prätorianergarde ein.

Auf gut 15 Seiten beleuchtet der Autor kurz und knapp all die Fakten, die für interessierte Laien (seien es Reenactor, Rollenspieler oder Militaria-Fans) bedeutsam sind oder sein könnten: Nach einer kurzen Übersicht über die Aufgaben der Truppe (darunter Bewachung des Kaisers, Polizeidienste, Bekämpfung von Aufständen, Durchführung von Exekutionen und Folter, Bespitzelung, Eintreiben von Steuern) nehmen schließlich struktureller Aufbau und Ausrüstung den größten Teil dieses Kapitels ein. Kommen wir zuerst zur Organisation: Der Leser lernt hier schnell, dass jeder, der es zur Garde geschafft hatte, ein Glückspilz war. So war die Dienstzeit um etwa ein Viertel kürzer und der Sold etwa anderthalbmal höher als in den gewöhnlichen Legionen. Um den Elite-Charakter der Truppe hervorzuheben, berechnet schätzt Pogorzelski auch, wie viele Prätorianer es mutmaßlich im aktiven Dienst gegeben habe - und kommt auf eine Zahl irgendwo zwischen 4.000 und 11.000. Hierneben stellt er "Spezialeinheiten" vor, die der Elitetruppe zusätzlich zur Verfügung bzw. zur Seite standen (speculatores, evocati, statores, u.a.). Allerdings scheint er hier zu fokussiert auf die Prätorianer, um eigentlich eigenständigen Einheiten wie den vigiles den notwendigen Respekt zukommen zu lassen. Bei Pogorzelski reicht so ein einzelnes Zitat aus, um die vigiles in eine dauerhafte Verbindung zur Garde zu setzen - und für viele andere Behauptungen fehlen weiterhin auch nur die spärlichsten Belege. Teilweise widerspricht sich der Autor auch selbst (vgl. statores, S. 16 und S. 34). Es kann so schnell der Eindruck entstehen, dass aus Begeisterung für ein Thema die wissenschaftliche Gründlichkeit gelitten habe. Hierzu tragen auch Pseudo-Belege bei, die auf Reenactment-Fotos verweisen, anstatt Cassius Dio direkt anzugeben (vgl. S. 16). Besonders genau nimmt es Pogorzelski hingegen mit der Rangstruktur innerhalb der cohors: Jeder noch so kleine Posten wird behandelt - und sei es nur in einem Satz. Über die Rolle des Präfekten lässt sich der Autor dann sogar sehr ausgiebig aus - und es muss die Frage erlaubt sein, ob dieser Umstand damit zu tun hat, dass er selbst diese Rolle in seinem Reenactment-Verein, der Cohors Praetoria aus Köln, innehat.

Bei der Ausrüstung geht dann endgültig des Autors Detailliebe zur historischen Darstellung mit ihm durch und der wissenschaftliche Anspruch bleibt auf der Strecke - sofern denn überhaupt einer existierte. Allein die Schlüsse, die Pogorzelski auf S. 18 aus einer einfachen Bestellung von roten Tuniken zieht, sind extrem weit hergeholt für die Belegsituation und kritisch zu betrachten. Über des Autors eher kursorische Arbeitsweise können auch nicht die immer wieder auftauchenden Formeln der Zurückhaltung hinwegtäuschen, die hier mehr wie Pflichtbeiträge wirken. So ist denn auch die Darstellung der fünf verschiedenen Uniformtypen der Prätorianer (Friedens- und Festgewand, Parade-, Alltags-, Schlachtuniform) mit Vorsicht zu genießen. Am deutlichsten wird das vielleicht an der Darstellung des Festgewandes, die eigentlich bloß aus einem langen Zitat aus Herodians "Geschichte des römischen Kaisertums" besteht, der dann ein lapidarer Satz des Autors zugefügt wird: "Dies bedeutet, dass [die Prätorianer] nur mit Tunika und Gürtel bekleidet waren." (Pogorzelski, S. 20) Hier fragt sich der Leser, wie das Argument für diese Erklärung wohl aussehen mag, denn vom Zitat vorher wird die Behauptung des Autors nicht unterstützt. Auch bei den anderen Bekleidungsvarianten sowie bei der Besprechung von Abzeichen, Feldzeichen, etc. halten sich die verwertbaren Erkenntnisse in engen Grenzen. Sehr oft muss Unwissenheit oder die spärliche Belegsituation erklärt werden. Wie auch schon oben erwähnt, wird in einzelne Belege zudem teilweise deutlich zuviel hinein interpretiert. Dies gilt auch für die äußerst spärliche Diskussion der prätorianischen Ausbildung, die sich auf die Formel: "die Besten werden auserwählt und hart rangenommen" reduzieren lässt. Was genau neben einer Mindestkörpergröße für den Dienst in der Garde qualifizierte, wie die Leistungsstandards aussahen, wie die Trainigsmethoden und Übungen - das bleibt allerdings völlig im Dunkeln, genauso wie die vielen interessanten Details zu Bewaffnung u.ä. die die Archäologie in den letzten Jahren zusammentragen konnte.

Der zweite Teil des Buches walzt dann auf gut 100 Seiten streng chronologisch die Beziehung der jeweils herrschenden Kaiser zu ihren Prätorianerpräfekten und die von diesen durchgeführten wichtigsten Maßnahmen aus - jedenfalls ist das der Anspruch. In Wirklichkeit stehen dem Autor zum einen die extrem schlechte Quellenlage und sein eigener Erzählstil im Weg, der immer wieder in der Geschichte vorgreift bzw. hin- und herspringen muss. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass wir (a) deutlich mehr Informationen über das Innenleben des Reiches aus dem ersten Jahrhundert haben als aus dem vierten und dass (b) Personen nicht einfach zu Beginn ihrer Amtszeit aus dem Nichts auftauchen und wieder einfach so verschwinden, wenn sie ihren Posten abgegeben haben. Hinzu kommt, dass Pogorzelski seinen Text schlecht sortiert und teilweise Absätze mit unterschiedlichen Foki komplett zusammenhanglos aufeinander folgen lässt. Beim Auffinden der größeren Einschübe zum castrum praetorium, der germanischen Leibwache und einiger genauer untersuchter Reliefs hilft immerhin das Inhaltsverzeichnis, ansonsten würde man diese Informationen eher im organisatorischen Teil vermuten und nicht in der völlig biographisch orientierten Chronologie, die jeden noch so kleinen Karriereschritt und Verwandtschaftsgrad zu benennen versucht, ohne eine zusammenhängende Darstellung zu erreichen. Entsprechend zäh liest sich der zweite Teil dann auch. Doch dies wäre ggf. alles noch zu verkraften, wenn sich neben den Banalitäten nicht auch eine Reihe unkritischer, ja naiver Übernahmen und Lesarten der Quellen finden würden, die Pogorzelski weiterhin nur sehr ungenau angibt. Immerhin verzichtet der Autor im zweiten Teil komplett auf Fotographien aus dem Reenactment, was deutlich seriöser wirkt. Eine weitere Reduktion dieses Kapitels auf die wirklich wichtigen Schlaglichter der prätorianischen Geschichte in Zusammenhang mit einer konsistenten Argumentation oder Stoßrichtung der Informationen hätte hier deutlich mehr erreicht. Leider fehlt vor allem eine Argumentation völlig, was insbesondere für den Schluss des Buches problematisch wird.

Pogorzelskis Angriff auf das "überkommende Bild" von den Prätorianern
Wie schon in der Einleitung angekündigt, ist es Pogorzelskis Anliegen, die Prätorianergarde, anders als Stöver, in ein deutlich positiveres Licht zu rücken. Der Autor möchte den Vorwürfen der Vergangenheit und dem schlechten Licht, in das diktatorische Garden seiner Meinung nach durch Hollywood und das 20. Jh. gerückt wurden, den Nimbus einer edlen Elitetruppe entgegenstellen und den Rufmord, den er hinsichtlich dieser Einheit vermutet, relativieren oder gar beenden. Hieraus folgt auch seine Fragestellung "Folterknechte oder Elitetruppe?", die aber schon vor dem Beginn der Untersuchung darunter leidet, dass nichts dagegen spricht, einer Truppe beide Eigenschaften gleichzeitig zuzuschreiben. Um einen Vergleich zu Bemühen, den Pogorzelski sicher nicht hören will: Auch die SS war eine sogenannte "Eliteinheit". Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht im gleichen Atemzug als menschenverachtende Gruppierung beschrieben werden kann, die nicht nur eine Diktatur maßgeblich stütze, sondern darüber hinaus auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit in erheblichem Umfang beging. Was hindert uns also heute daran, die SS als Eliteeinheit zu verherrlichen und gegen Angriffe zu verteidigen, sie habe Verbrechen begangen? Die Antwort: ein moralischer Maßstab, der uns die Orientierung dafür gibt, richtige Handlungen von falschen zu unterscheiden. Dieser Maßstab besteht aus Werten, die unsere Gesellschaft, ja die Menschheit ausmachen. Eine Untersuchung, die uns die Prätorianer zumindest als moralisch ambivalent zeigen will, müsste dies anhand solcher Werte tun. Doch Pogorzelski vernachlässigt bereits bei seiner Themenstellung das explizite Aufstellen oder Nennen von Werten, nach denen die Prätorianer eine positive Betrachtung verdient hätten. Er vernachlässigt darüber hinaus, die implizit auftretenden Wertezuschreibungen in seinem Text hinsichtlich ihrer historischen Relativität zu verorten. Er verwechselt durchgehend militärische Ausbildung und Tugenden mit moralisch korrektem Verhalten. Nur an einer einzigen Stelle kann er - nachdem er zuvor zahlreiche Grausamkeiten und Fehlverhalten der Garde beschrieben hat - einen Beleg dafür anbringen, dass die Prätorianer sich auch mal dem Befehl ihres Imperators aus moralischen Gründen widersetzt haben (S. 13). Darüber hinaus versucht er durch schlichtes Nachzählen zu relativieren: Immerhin seien in drei Jahrhunderten nur neun Kaiser durch die Prätorianer ums Leben gekommen - und dies sei, so Pogorzelski, fast immer aus Dienst am Volk geschehen. Dass die von den Prätorianern durchgeführten polizeilichen Maßnahmen immerzu nur aus der Verbreitung von Furcht und Schrecken bzw. der direkten Tötung teilweise reihenweiser Unschuldiger bestand (S. 12) - vernachlässigbar. Dass die Präfekten sich in ihrer aus Exekutive und Judikative zusammengesetzten Macht suhlen konnten (S. 34) - keiner Kritik würdig. Dass sie sich opportun jedem anboten, der genug Geld auf den Tisch legte - undeutend in des Autors Augen oder das Werk von Einzeltätern. Die Truppe selbst sei vorbildlich gewesen, so will es Pogorzelski hören. Dumm nur, dass Historiker bei innenpolitisch eingesetzten Militärs, die dazu stellenweise noch als geheime Staatspolizei agieren, inzwischen sensibel genug sind, um nicht auf einseitige Darstellungen hereinzufallen. Zumal bei der Größe der Truppe spätestens seit Vitellius unmöglich noch von den "Besten" geredet werden kann. Es wurde genommen, wer politisch auf der richtigen Seite stand und gerade verfügbar war.

Fazit
Aus professioneller Perspektive ist diese längere Facharbeit auf Oberstufenniveau größtenteils zu vernachlässigen oder zumindest kritisch zu hinterfragen. Es sollte jedem Leser bewusst sein, dass der Autor (a) kein Fachmann ist und (b) eine Agenda verfolgt, die er am Ende seiner Buches trotz gegenteiliger Fakten als gelungen darstellt. Inhaltlich und vom Umfang her bleibt Pogorzelskis Darstellung der Prätorianer jedenfalls weit hinter dem zurück, was wissenschaftliche Texte zum Thema zu sagen haben. Insbesondere irritert die äußerst spärliche Quellen- und Literaturgrundlage. Hier wurde extrem selektiert, teilweise auf fragwürdige Ausgaben zurückgegriffen und es fehlt mindestens ein entscheidendes Werk zu den aktuellsten militär-archäologischen Erkenntnissen, nämlich Fischer (Hrsg.): Die Armee der Caesaren (Verlag Friedrich Pustet 2012). Insbesondere Details zur Ausstattung, zu Bewaffnung, Organisation, Ausbildung und Unterkunft römischer Militärs liegen dort in deutlich größerer Fülle vor. Es ist völlig unverständlich, warum dieses Werk nicht berücksichtigt wurde.

Hierneben fallen dann auch noch eine ganze Reihe sprachlicher und fremdsprachlicher Fehler auf, die nochmal deutlich machen, dass der Autor kein Berufsschreiber ist und zudem nur eine begrenzte Kenntnis der lateinischen sowie gar keine der griechischen Sprache besitzt. Wie sonst sind fehlende Übersetzungen griechischer Inschriften, fehlerhafte lateinische Deklinationen (evocatus), falsche Verwendung distinktiver Adjektive (konsularisch, prätorisch) oder die falsche Zuschreibung von Wortgeschlechtern (das/der Relief) zu erklären? Auch die Übertragung moderner politischer Begriffe in die Antike (Minister) zeugt von mangelnder sprachlicher Zurückhaltung. Bei dem nahezu exorbitanten Preis des Büchleins sollte der Leser eigentlich mit einem besseren Lektorat rechnen können. Schließlich kann sich Pogorzelski trotz seines klaren Laienstatus nicht so recht entscheiden, an wen er sich mit seinen Worten eigentlich richtet. Mal setzt er umfassende historische Kenntnisse oder lateinisches Fachvokabluar voraus, mal erklärt und übersetzt er selbst banale Wörter.

Die größten Bauchschmerzen bei diesem Buch bereitet aber die Nähe des Autors zur Reenactment-Szene. Dabei ist sicher nIchts gegen Reenactment als solches einzuwenden - aber die Motivlage bei der Verwendung ist entscheidend! Rekonstruktive Archäologie und erfahrbare Geschichte sind sicher wichtig und erstrebenswert. Doch ist Distanz zum Gegenstand wissenschaftlich geboten. Pogorzelkis "Die Prätorianer" macht den Eindruck, als sei es kein Forschungsbeitrag, sondern eine Rechtfertigung und Präsentation des eigenen Hobbys. Immerhin sind Teile des Textes eins zu eins auf der Internetseite der Cohors Praetoria nachzulesen. Wenn dem aber so ist, so sollte der Titel des Werkes möglichst direkt darauf verweisen. Warum nicht ein Untertitel der Sorte "Eine Übersicht für Reenactor"? Dann hätte man sich auch die moralisch aufgeladene Frage sparen oder sie zumindest richtig einordnen können. Stattdessen wird der Eindruck eines seriösen, wissenschaftlichen Werkes vermittelt. Dies ist das Buch aber eben nicht. Ein nahezu argumentfreier Abitur-Aufsatz, eine bloße Sammlung von Fakten aus einem bestimmten einseitigen Interesse heraus ist keine gewinnbringende wissenschaftliche Arbeit. Dies aber impliziert die im Untertitel formulierte Fragestellung, die eben im Buch trotz aller dargebotenen Wissensfragmente nicht geklärt wird. Unredlich auch, dass der Autor und seine wissenschaftliche Qualifikation im Buch nicht genau vorgestellt werden. Ein Foto fehlt ebenso - obwohl, dann würde man ja auch zu schnell erkennen, dass auf nahezu allen Reenactment-Fotos der Autor selbst abgebildet ist.
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Strauss "The Death of Caesar"

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 24. April 2015, 20:30

Diesmal nicht ganz so ausführlich wie zum letzten Buch, aber ich muss unbedingt eine Leseempfehlung zu Barry Strauss "The Death of Caesar" (Simon & Schuster 2015) loswerden.

Das Buch, dessen Gegenstand sich schon im Titel findet, erschien dieses Jahr passenderweise an den Iden des März und ist seitdem auch in Deutschland erhältlich. Auf gut 300 Seiten liefert der Autor, ein renommierter und twitternder Althistoriker der Cornell University, eine wundervoll recherchierte, detaillierte aber zugleich auch packende und lebhafte Darstellung der Ereignisse von 45-43 v.u.Z. mit einem abschließenden Ausblick auf die Jahre bis 27 v.u.Z. Neben der sehr persönlichen Erzählung, die vor allem die Hauptverschwörer in den Blick nimmt, unter denen Strauss in seinem Werk vor allem den oft vergessenen Decimus hervorhebt, bietet der Band zudem umfangreiche Arbeitsmaterialien, die eigentlich überall und sofort Standard werden sollten - es leider aber gerade bei populäreren Fachbüchern noch immer nicht sind.

So schiebt Strauss nicht nur einen genialen Kurz-Überblick über die zentralen Figuren vor und ergänzt den Text um Karten, Chronologie, eine ausführliche kommentierte Bibliographie sowie einen umfassenden Index - nein, sogar Leseempfehlungen im Bereich fiction haben Eingang ins Buch gefunden. Dies alles in Verbindung mit der eigensinnigen Art der Anmerkungen, die als Endnoten nachgeschoben aber im eigentlichen Text nicht gesondert ausgewiesen sind, machen den Haupttext nicht nur extrem gut lesbar, sondern auch informativ extrem zugänglich für detailliertere Betrachtungen auf wissenschaftlicher Ebene. Eine Verbindung von Eigenschaften, die durch den sehr prägnant gehaltenen, teilweise an moderne Romane erinnernden Erzählstil noch unterstützt wird - und die unbedingt weitere Verbreitung finden sollte!

Wenn alle - oder zumindest deutlich mehr - Geschichtsbücher dermaßen gut recherchiert, geschrieben und ausgestattet würden, dann könnte man sicher auch wieder mehr Menschen für historische Lektüre begeistern. Ich bin jedenfalls erstmal sehr froh, dass ich Strauss gefunden habe und er zudem in einem Bereich schreibt, der mir liegt. Das nächste Buch aus seiner Feder, das vor einigen Jahren erschienene "The Spartacus War" ist bereits bestellt. Genau wie das von Strauss empfohlene englische Standardwerk zur Geschichte der klassischen Antike.
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Graser "Alles Mythos: Antike"

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 01. Juni 2015, 08:31

Mit der Reihe "Alles Mythos! - 20 populäre Irrtümer!" versucht der Darmstädter Theiss-Verlag (der inzwischen auch nur ein alias für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft ist), unsere Allgemeinbildung zu verbessern, indem lang gepflegte Vorurteile und immer wieder falsch erzählte Halbwahrheiten endlich gerade gerückt werden. So gibt es neben dem hier vorgestellten Band zu Antike auch jeweils einen zur Steinzeit, zum Mittelalter, zum Wilden Westen, zu China, ..., - ja sogar zu Weihnachten! Die Bände richten sich dabei eher an den Durchschnittsbürger, oft auch "interessierter Laie" genannt, der neugierig genug ist, sich für ein bestimmtes Thema zu interessieren, aber andererseits ehrlich genug, zuzugeben, dass er wahrscheinlich einige grundlegende Dinge noch nicht mitbekommen hat. Denn "neu" kann man die Erkenntnisse, die uns etwa Ulrich Graser zur Antike nahe bringt, nun wirklich nicht nennen. Oder liegt dies vielleicht nur an der sehr reißerischen Auswahl der Themen?

Auf gut 200 eher sprunghaft erzählenden Seiten geht der Autor nämlich zwanzig Irrtümern nach, von denen er meint, dass sie endlich einmal ausgeräumt gehören - nur sind sie eben schon lange Allgemeingut, sollte man jedenfalls meinen. Dass nicht alle Gladiatoren beim Kampf in der Arena umkamen, Caesar schon chronologisch niemals im Colosseum gewesen sein kann, Griechen nicht alle homosexuell waren, es auch schlechtes Benehmen und Pöbel sowie unterschiedliche Sprachen neben Latein und Griechisch gegeben hat, dass natürlich nicht jeder im Liegen speiste, Dreck allgegenwärtig war und die attische Demokratie bei weitem nicht unserer modernen Auffassung davon gleicht, dass antike Skulpturen und Bauten (zumindest in Teilen) farbig waren und die Antike auch nicht prompt im Jahr 500 zu Ende ging, das alles sollte eigentlich jedem klar sein, der zumindest schon mal ein anderes modernes, selbst populärwissenschaftliches Buch zu diesem Zeitalter in der Hand hatte.

Nur absolute Neulinge in griech.-röm. Geschichte werden Grasers Einführung wohl spannend finden, der Rest sucht 200 Seiten lang nach wenigstens ein oder zwei Happen, die er zuvor noch nicht aufgeschnappt oder auch zwischenzeitlich wieder vergessen hatte. Leider bleiben entsprechende Erfolgsmomente rar. Daran dürfte auch die Literaturauswahl des Autors mit Schuld sein, die in vielen Punkten hinter der modernen Forschung zurückbleibt und größtenteils zu den Klassikern und Standardwerken zurückkehrt, die man schon im Grundstudium der Geschichte als "alt, aber bewährt" vorgestellt bekommt - immer mit der unterschwelligen Hoffnung verbunden, dass doch endlich mal jemand eine aktualisierte Fassung in Angriff nehmen könnte. Ein netter Service ist immerhin das vom Umfang angemessene Register, mit dem eine schnelle Suche nach Personen, Orten und Dingen möglich ist. Wenn nun noch das Lektorat auch so sorgfältig vonstatten gegangen wäre, müsste ich mich nicht über sprachliche Anfänger-Fehler ärgern.

Fazit: Nur für absolute Einsteiger empfohlen - oder Leute, die zum x-ten Mal Altbekanntes wiederholen möchten.
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Julian Nida-Rümelin "Philosophie einer humanen Bildung"

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 09. Juli 2015, 12:58

Es wurde und wird viel über die Probleme des deutschen Bildungswesens geschrieben und so ziemlich jeder, der einen Stift halten kann, scheint eine Meinung dazu zu haben, wie man aus der aktuellen - von allen einhellig als "schlecht" befundenen - Situation herauskommen könne. So auch der Ex-Politiker und Wieder-Wissenschaftler Julian Nida-Rümelin, der einigen hier sicher noch aus der Kanzlerschaft Schröders als Kulturstaatsminister bekannt ist. Anders als bei vielen anderen Autoren versucht JNR aber dankenswerterweise, sich nicht nur in negativen oder populitischen Äußerungen zu erschöpfen. Er möchte tatsächlich ganz konstruktiv ein Modell vorschlagen, das harmlos klingt, aber am Ende radikale Konsequenzen zeigen würde.

Im Mittelpunkt seines Vorschlags steht die Idee des Humanismus. Dieses schon von den alten Griechen vorbereitete Konzept (JNR wird diese Wurzeln in seinem Text immer wieder aufgreifen), von den frühneuzeitlichen Philosophen verfeinert, sei heute nahezu untergegangen. Dabei biete es sich doch aufgrund seiner Implikationen für uns und die Gemeinschaft der Menschen eindeutig als Ausweg an. So beginnt JNR damit, klassische Einwände gegen anthropologische Grundannahmen auszuräumen (denn die braucht ein Humanismus ja in einem gewissen Grad), um bestimmen zu können, was denn eine gute Lebensform für Menschen sei. Diese breitet er dann im Hauptteil des Buches aus.

Im Prinzip lässt sich seine Theorie so beschreiben:*

(1) Normative Anthropologie: Jede menschliche Handlung ist Ausdruck meiner Überzeugungen und damit eine Wertung. Ich kann deshalb für alle meine Handlungen Gründe angeben. Sofern meine Gründe für verschiedene Handlungen sich nicht widersprechen, führe ich ein kohärentes Leben. Allerdings bin ich ja nicht alleine auf der Welt. Das Leben in einer Gemeinschaft aber bestehe im Austausch von Gründen, die ich für meine Handlungen habe. Hieraus ergäben sich dann gemeinsame anthropologische Wertungen, die der Kern des Selbstverständnisses einer Gemeinschaft darstellen.

(2) Humanistisches Ideal: Historisch gesehen dreht sich der Humanismus um die Grundwerte der Autarkie/Autonomie (Selbstbestimmung), der Rationalität (Vernunft) und Universalität (Gleichheit aller Menschen). Als Folge der Autonomie bedarf es zudem der Annahme der persönlichen Freiheit und damit auch einer Erläuterung des Verantwortungsbegriffes. Aus diesen Werten schließlich folge für die Bildungsdebatte eine Kritik an der Instrumentalisierung der Bildung (durch die Ökonomie), eine Betonung des Selbstwertes von Bildung und eine Auseinandersetzung mit naturalistischen Tendenzen. Der Kernsatz dieses Abschnittes ist wohl, dass der Mensch als Vernunftwesen frei und als Naturwesen determiniert sei. Hier sei jedoch angemerkt, dass JNR ein besonderes, sagen wir "ganzheitliches", Konzept von "Vernunft" vertritt, dass die Vernunft nicht auf theoretische Aussagen beschränkt sieht, was die Sache mit der Freiheit nicht einfacher macht.

(3) Pragmatischer Humanismus: Bildung hieße nun, (a) im Kontext von (1) Gründe abwägen zu können und sich (b) abhängig von den Grundwerten aus (2) entsprechend zu entscheiden, also selbst zu beurteilen, welches (kohärente) Leben man für sich und die Gemeinschaft wählt. Dieser pragmatische Ansatz beruhe auf Verständigung und Toleranz, die sich aus der Anerkennung der Universalität der menschlichen Gleichheit ergäben. Praktisch bedeute dies, Inhalt von Bildung (=Bildungsziele) sei das Erlernen der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, eine Praxis der Kooperation und Interaktion, ein Verfügen über (kulturelle) Techniken und die Teilhabe an der Sprache (ohne die die vorigen Inhalte nicht viel Sinn ergeben würden).

(4) Realismus: Bei der in (3) zu erfolgenden Beurteilung von Lebensformen spielt ein Wahrheitsbegriff die Hauptrolle, der sich an dem Grundsatz des Realismus orientiert: "Wir wägen Gründe ab, um uns dem besseren Urteil anzunähern, aber wir können nie gewiss sein, ob wir uns das beste Urteil zu eigen machen." Mit diesem Wahrheitsbegriff, der sich vom Gewissheitsbegriff trennt, erspart sich JNR eine Menge Arbeit hinsichtlich epistemologischer Relativität und Letztbegründbarkeit. Gleichermaßen schiebt er solipsistische und subjektivistische Einwände beiseite. Sein Interesse liegt in einer praktikablen Lösung ohne metaphysischen Ballast. Bildung solle stets realitätsbezogen bleiben. Kohärenz der Wahrheiten sei wichtiger als theoretische Gewissheiten.

(5) Folgen für die Schule: Als Resultat ergeben sich eine Reihe von eher lose miteinander verknüpften Forderungen für unsere Schulpraxis.
  • Zu allererst lehnt JNR Wissenschaftlichkeit in der Schule ab, er plädiert stattdessen für ein eher schwaches "Orientierungswissen", dass er jedoch unterbestimmt lässt.
  • Zweitens fordert er die Förderung von Tugenden, sowohl dianoetischen, als auch ethischen und emotionalen. In der Bestimmung und Einübung solcher Tugenden liege der Weg zur Erreichung der Humanistischen Ideale, die letztlich dem von JNR so genannten "Perfektionismus" entsprächen. Diese ethische Position, die der Autor auf eine Stufe mit utilitaristischen und deontologischen Klassikern stellt, nimmt als höchsten Wert menschlicher Entscheidungen die Frage an "Was ermöglicht es mir als Menschen meine eigenen Anlagen und Fertigkeiten am besten zur Entfaltung zu bringen?".
  • Drittens bringt JNR drei sekundäre Werte ein, die sich wohl aus den humanistischen Idealen ergäben und die deshalb auf allen Ebenen der Schule implementiert werden sollten, namentlich: Emanzipation, Inklusion und Demokratie. Allein die Diskussion dieser drei aus den humanistischen Idealen abgeleiteten Werte nimmt im Text einen erheblichen Raum ein. Zusammengefasst lässt sich sagen: Selektion und eine Hierarchie der Tätigkeiten gehören abgeschafft. Partizipationsmöglichkeiten müssen geschafffen werden. Echte Teilhabe soll ermöglicht werden.
  • Viertens soll Schule nicht länger auf rein kognitive Bildung reduziert werden. Eine Aufwertung insbesondere der künstlerisch-ästhetischen, musikalischen und sportlichen Inhalte solle hier helfen. Gleichzeitig sollen die bisherigen Curricula massiv entschlackt werden und die Lücken eventuell mit mehr lebenspraktisch relevanten Inhalten gefüllt werden.
  • Fünftens schließlich spricht sich Nida-Rümelin für die Abschaffung der Einzelfächer und für mehr Projekt- und Themenarbeiten aus.
Was ist von dieser Position / diesen Forderungen zu halten?
Abgesehen davon, dass der Text stellenweise qualitativ sehr unterschiedlich ist und dass ihm in vielen Teilen ein roter Faden fehlt, dass er oft durch teils interessante und teil überflüssige Exkurse unterbrochen wird und dass man diese Fehler wohl auch meiner Interpretation ansieht, die zwanghaft versucht, die einzelnen Elemente irgendwie zusammenzubekommen ...

... widerspricht sich JNR teils selbst, insbesondere, wenn es um die Wissenschaftlichkeit und ihre Rolle sowie Verbreitung in der Gesellschaft angeht. Sagt er an der einen Stelle es sei nicht notwendig in unserer Gesellschaft alles wissenschaftlich genau zu verstehen, was passiert, so betont er andererseits wie wichtig es ist, Dinge selbst zu verstehen, um eben selbst über Richtigkeit und Falschheit entscheiden zu können. Aber was will er denn nun? Jemanden der sich auf das kollektive Wissen verlässt, das ja falsch oder gar manipuliert sein kann? Oder den emanzipierten, selbst-beurteilenden Bürger, an den natürlich heute höhere Wissensanforderungen gestellt werden, als früher?

... bleibt er eine klare, deutliche und (im Habermaschen Sinne) zwingende Rechtfertigung der Wahl humanistischer Ideale schuldig. Wieso sind das die Ideale an denen ich mich auszurichten habe? Wieso können es nicht andere Ideale sein? Zwar versucht JNR in diese Richtung eine Rechtfertigung, nur überzeugt sie mich überhaupt nicht. Der Humanismus hat hier mehr die Gestalt einer Ideologie. Es gibt keine Argumentation, die mich quasi von selbst zum Humanismus bringen würde. Dies ist verbunden mit der sehr problematischen Annahme einer Reihe von interkulturellen anthropologischen Übereinstimmungen, die der Autor quasi voraussetzt, gleichzeitig aber feststellt, dass es im Bereich anderer Wissenschaften läge, diese Übereinstimmung tatsächlich zu finden und zu benennen.

... ist die Idee der Kohärenz einer Lebensform kein guter Maßstab, gute von schlechten Lebensformen voneinander zu unterscheiden. Deshalb benötigt JNR ja auch die humanistischen Ideale als korrektive Ideen. Denn auch wenn der Autor sich das nicht eingestehen mag und hoffnungslos dagegen argumentiert: Auch egoistische Lebensformen können kohärent sein, wenn es sich um einen vernünftigen Egoismus handelt, der zwischen kurzfristig-taktischen Zielen der Selbstverwirklichungsmaximierung und langfristig-strategischen unterscheiden kann. Es gibt für mich keinen Grund anzunehmen, dass eine solche Lebensform nicht kohärent wäre. JNR legt hier viel Wert auf seinen Kohärenz-Begriff, wenn man ihn aber simpel mit "Widerspruchsfreiheit" übersetzt, wann immer er im Text vorkommt, dann merkt man schnell, welchen Unsinn das ergibt.

Das sind nur die drei wichtigsten Kritikpunkte. Es ließen sich vor allem in Methodik, Form und Gewichtung von Argumenten noch einige Punkte ergänzen, die aber schnell sehr kleinteilig werden würden.

Hat sich das Buch für mich gelohnt?
Speziell Anfang und Ende des Buches sind Pageturner, die man ganz gut und zügig durchlesen kann, der Mittelteil hingegen (inbesondere der "zweite Teil") war recht zäh zu verdauen.

Für meine persönliche Bildungspraxis hat das Buch nicht viel gebracht (Orientierungswissen lehne ich ab; Tugendförderung ist im aktuellen System nur eingeschränkt möglich; Inklusion scheitert meiner Meinung nach daran, dass Menschen zwar "gleichwürdig", aber eben nicht "gleichfähig" sind; Selektion ist Prinzip unseres Systems; Ent-Kognitivisierung ist ebenfalls nicht vorgesehen und kann von mir kaum verändert werden, zumal: Fachlichkeit!; für Projektarbeiten fehlt der institutionelle Rahmen).

Die vielen Erläuterungen zu Platon und Aristoteles fand ich aber aus fachspezifisch-philosophischer Sicht spannend. Insbesondere den aristotelischen Tugend-Begriff halte ich für gut erklärt und anschaulich präsentiert. Mir persönlich bleibt das Buch aber insgesamt zu oberflächlich - und das obwohl es sich mit Sprache und Stil eindeutig eher an ein Fachpublikum wendet (Laien dürften so einige Schwierigkeiten mit dem Text haben). Während ich mit der Grundidee des Humanismus liebäugeln kann, fehlt mir ganz dringend ein deutliches Argument für diesen ideologischen Unterbau im Vergleich mit anderen Positionen. Daran krankt mE ein Großteil der Kritik an der aktuell eher instrumentalistischen Bildungspraxis. Es fehlen auch ganz praktische Tipps, wie man das vorgestellte Programm innerhalb des aktuellen Systems als Lehrer umsetzen könnte. Denn fast alle Änderungen, die JNR vorschlägt, spielen sich nicht auf der Ebene des Lehrers, sondern der Institutionen Schule, Bezirksregierung und Ministerium ab. Letztlich plädiert der Autor hier für einen notwendigen politischen Wandel. Indem er aber wissenschaftliche Maßstäbe an die Politik anlegt (Wahrheitsbegriff!) und diese mE damit grundlegend missversteht, können wir auf diese Veränderungen wohl noch lange warten.

_________________________________________________________
*caveat: Das ist MEINE Interpretation unmittelbar nach der Lektüre. Sie erhebt keinen Anspruch darauf, der Intention des Autors 100% zu entsprechen.
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Re: Buchvorstellungen und Rezensionen

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 04. September 2015, 06:24

Schon bevor er das Leben und den Tod Caesars genauer unter die Lupe nahm, hat Barry Strauss schon gute Bücher geschrieben, leider nur zu wenige zur römischen Geschichte. Das wichtigste in diesem Bereich, seine Darstellung des Spartacus-Aufstandes (73-71 v. Chr.) zeigt schon alle Qualitäten seines aktuellen Bestsellers.

Was Strauss aus dem spärlichen und teils sehr widersprüchlichen Quellenmaterial gemacht hat, kann sich mehr als sehen lassen. Stets kritisch und vergleichend versucht er die Informationen aus der Überlieferung herauszuschälen, die als gesichert gelten können und ergänzt sie durch immer vorsichtige Schätzungen und Annahmen, die er klar als solche ausweist. Er geht im Detail auf die einzelnen Protagonisten der Geschichte ein, beschreibt die geographischen Besonderheiten insbesondere Süditaliens präzise genug, um sich ein Bild von der Lage zu machen und stellt auf diesen beiden Wegen stets auch einen Bezug zum größeren Rahmen der republikanischen Geschichte Roms her. Zahllose Anekdoten, etymologische Beobachtungen und Verweise auf frühere und spätere Ereignisse sind so unauffällig in den Text eingewoben, dass die zentrale Erzählung nicht zu stark auseinandergerissen oder aufgebläht wird. Gleichzeitig ist Strauss' Buch aber eines der vollständigsten, die ich bislang zum Thema gelesen habe. Vor allem Brodersens "ich bin Spartacus" kann ich wohl nun getrost entsorgen. Es kommt nicht ansatzweise an die Informationsdichte und Erzählqualität von "The Spartacus War" heran.

Ein besonderes Schmankerl des Buches ist der Umstand, dass es indirekt ein insgesamt recht positives Bild auf die Serie "Spartacus" wirft, denn offensichtlich haben sich die Macher dieser TV-Show doch recht eng an die historischen Ereignisse gehalten. Sicher, da wurde gekürzt, wurden Personen und Orte zusammengelegt, usw - immerhin will ein Drama erzählt und kein Geschichtskurs gehalten werden - aber im generellen Ablauf entspricht die Serienhandlung tatsächlich den überlieferten Ereignissen. Sogar die Piratenepisode, die im historischen Original sogar noch spannender gewesen zu sein scheint, ist historisch. Vielleicht war Strauss' Buch den Machern ja sogar Inspiration und Hilfe. Zeitlich kommt das sogar hin.
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Re: Buchvorstellungen und Rezensionen

Ungelesener Beitrag von Tudor the Traveller » 04. September 2015, 10:52

Für den JNR nochmal ein nachträglicher Danke-Daumen-Hoch-Button von mir!
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Re: Buchvorstellungen und Rezensionen

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 04. September 2015, 15:16

Gern geschehen. Ich seh nur grad: Interpunktion und Orthographie sollte ich da noch mal in einer ruhigen Minute korrigieren. :)
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1177 v. Chr.

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 13. Oktober 2015, 13:53

Wie schnell man doch zu einem verwöhnten Kritiker werden kann. Nachdem ich in kurzer Folge zwei Bücher des großartigen Althistorikers Barry Strauss gelesen habe, die man mE als den neuen Standard bezeichnen kann, was populär-wissenschaftliche Literatur betrifft, bin ich in den letzten Tagen bei der Lektüre von Eric H Cline: 1177 v. Chr. unsanft wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden. Leider haben anscheinend noch nicht alle Historiker begriffen, dass ihr Schreibstil größtenteils antiquiert und damit schlichtweg einschläfernd ist.

In Bezug auf 1177 äußerst sich dies vor allem darin, dass der Großteil des Buches aus kursorisch aneinandergereihten Informationsbrocken besteht, die leider die meiste Zeit über durch keinerlei roten Faden verbunden zu sein scheinen. Dieser Eindruck wiederum entsteht durch den schlimmsten Fehler, den man als Wissenschaftler machen kann: Man formuliert spannende Problemfragen, die man dann aber nahezu völlig ignoriert, im Geheimen für sich umformuliert oder eben nicht in kleine, nachvollziehbare Häppchen operationalisiert. Speziell letzteres sollte eigentlich Pflicht sein für jeden, der vorhat, für die Allgemeinheit zu schreiben. Das Mitnehmen des Lesers von einer Erkenntnis zur nächsten, von einer Frage über ihre Lösung zu einer neuen Frage, ist essentiell, wenn man die Aufmerksamkeit und das Verständnis seiner Leser fördern will.

Doch Cline scheint sich an solchen trivialen didaktischen Grundsätzen nicht zu stören - und so langweilt er mit isoliert herumstehenden Abschnitten sein Publikum. Doch damit leider nicht genug: Er verweigert seinen Lesern selbst die Antworten, die er in den einzelnen Wissensblöcken detailliert vorbereitet. Ständig begegnet man der Formulierungen der Art "... wie wir später noch sehen werden." bzw. "... womit wir uns später noch beschäftigen werden." So kann man nicht mal so tun, als ob man eine historische Zeitschrift mit Einzelartikeln läse, denn keiner der Mini-Texte ist in sich abgeschlossen. Nun gut, zumindest fast keiner. Dafür wiederholt sich der Autor immerhin ständig, was dafür spricht, dass er Verständnis für seine Leser hat, die sich sicher nicht an Dinge erinnern können, die er einhundert Seiten zuvor erläutern musste.

Inhaltlich versucht Cline eigentlich ziemlich banal, eine Parallele zwischen der heutigen Zeit, ihrer globalen Krisen und Konflikte und dem Ende der Bronzezeit herzustellen. Wahrscheinlich soll das als Warnung gedacht sein, oder als eine Art Sensationstourismus in die Vergangenheit, an dem wir uns heimlich ergötzen sollen, bevor unsere Welt ganz ähnlich zugrunde geht. Nur leider sind die Parallelen nur mäßig überzeugend und scheinen oft an dünnen Fäden herbeigezogen zu sein. Das liegt schon daran, dass Cline den Begriff "Globalisierung" offenbar anders benutzt, als es heute üblich sein sollte und ihn stets mit "international" verwechselt. Hierdurch wird der sehr lokale Zusammenbruch im östlichen Mittelmeerraum, den er untersucht, zu einer "Krise einer globalisierten Welt", was doch stark zweifelhaft sein dürfte.

Immerhin kommen für den interessierten Historiker einige Richtigstellungen im Text vor, speziell wenn es um den trojanischen Krieg und den hebräischen Auszug aus Ägypten geht, die Cline sehr sorgfältig und kritisch untersucht. Auch seine Zurückhaltung mit Schlussfolgerungen zum Zusammenbruch des spätbronzezeitlichen Kulturkreises ist lobenswert. Allerdings muss die Nachfrage gestattet sein, warum man 200 Seiten braucht, um zur allgemeinen Aussage zu gelangen, dass wir nicht genau wissen, was vorgefallen ist, dass es sich aber sicher nicht um einen monokausalen Prozess gehandelt haben kann, sondern um einen multikausalen. Verzeihung, aber das gehört zur Grundausbildung jedes Geschichtslehrers, steht in jedem ernst zunehmenden Geschichtsbuch und sollte damit schon bei den potentiellen Lesern angekommen sein.

Wenigstens kann sich die Ausstattung der deutschen (Hardcover-)Erstausgabe sehen lassen: Kartenmaterial, Übersichtsgrafiken, (wenige) Fotos von Fundstücken, eine Liste historischer Akteure, umfangreiche, wissenschaftliche Endnoten, sechsunddreißig Seiten Literaturhinweise (!) sowie ein mäßig ausgestattetes Register sorgen für einen insgesamt 90-seitigen Apparat zum knapp 250 Seiten langen Text. Leider ist das Buch aber nicht gleichermaßen ausführlich Korrektur gelesen worden. Überflüssige und fehlende Satzzeichen, Leerzeichen und Buchstaben finden sich überall. Für ein Buch dieser Preisklasse und dieses (Fach-)Verlages ein no-go. Hier fehlte eindeutig die notwendige Sorgfalt. Beim reißerischen Untertitel sind die deutsche und englische Fassung gleichermaßen populistisch, was ebenfalls einen Punktabzug gibt.

Wem das Buch in seiner Gänze zu lang ist, dem empfehle ich übrigens, nur den Prolog, die Seiten 234-243 und den Epilog zu lesen. Hier stecken alle Informationen in gut strukturierter, gebündelt Form drin. Man erhält eine Erklärung für den Titel, Antworten auf einige der im Prolog gestellten Fragen und einen Überblick über die Komplexitätstheorie sowie ihre Anwendungsmöglichkeiten in der Archäologie. Das ist alles, was man aus dem Buch in Kurzform mitnehmen muss. Der Rest des Buches hätte eigentlich in Form von Spielbüchern nur noch als längere Erklärungen zu einzelnen Elementen verlinkt werden müssen. Dann müsste sich auch niemand durch unglaublich langweilige, sprunghafte Aneinanderreihungen von spröden Fakten quälen, die man eh wieder vergisst, sobald man das Buch zugeschlagen hat.

tl;dr: Unbedingt nur die in meinem letzten Absatz genannten Seiten lesen. Darüber hinaus bietet das Buch nur Langeweile ohne Mehrwert..
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Classical Traditions in Modern Fantasy (Teil 1)

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 28. Dezember 2017, 14:09

Nachdem ich vor einer Weile viel Zuspruch bekommen habe, diesen Faden wieder zu beleben, habe ich mir für meine Rezension in diesem Jahr direkt etwas ganz Besonderes Exotisches ausgesucht. Der aktuelle Sammelband Classical Traditions in Modern Fantasy, hrsg. v. Brett Rogers und Benjamin Stevens (Oxford University Press, 2017) beleuchtet in vierzehn Aufsätzen, welche Beziehungen die griechisch-römische Antike zu dem Genre hat, dass allgemein als "moderne Fantasy" (MF) bezeichnet wird. Dabei wird MF von den Herausgebern erstmal sehr umfassend definiert und umfasst u. a. Werke wie etwa H.P. Lovecrafts Mythos, Tolkiens Mittelerde-Saga, die Geschichten von C.S. Lewis, J.K. Rowlings Harry-Potter-Serie, Philip Pullmans His Dark Materials, Disneys Brave (dt. Merida) und natürlich G.R.R. Martins A Song Of Ice and Fire.

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[0] In einem umfassenden Vorwort werden dabei zunächst die theoretischen Eckpfeiler für den Band eingeschlagen. Dazu werden erst einmal zwei wichtige Fragen zum textlichen Rahmen gestellt, die auch euch sicher schon bei der vorstehenden Auswahl der Texte, die zur MF gehören sollen, in den Sinn gekommen sind: (1) Was ist MF überhaupt - und was nicht? sowie (2) Inwiefern unterscheidet sich MF von Science Fiction (SF)? Fragen, die in diesem Forum wie auch in anderen schon die ein oder andere Diskussion befeuert haben. Konkret könnte man zum Beispiel zur obigen Liste fragen: Was hat Lovecrafts Mythos im Genre MF zu suchen? Die Antwort darauf findet sich in einer weitläufigen Definition, die vor zwanzig Jahren von John Clute für seine Encyclopedia of Fantasy erdacht wurde:
Clute (1997) hat geschrieben:A fantasy text is a self-coherent narrative. When set in this world, it tells a story that is impossible in the world as we perceive it; when set in an otherworld, that otherworld will be impossible, though the stories set there may be possible in its terms.
Da unter diese sehr grobe Beschreibung aber ggf. auch alle SF fallen würde, hielten Rogers und Stevens es für nötig, dieses Genre durch weitere Kriterien abzugrenzen. So unterscheide sich SF von MF zum einen dadurch, dass SF mehr mit Unwahrscheinlichkeiten als Unmöglichkeiten arbeite, zum anderen dadurch, dass es ein promethisches Genre sei. D.h.: SF beschäftige sich grundsätzlich mit der Frage, inwiefern (neue) Technologie dabei helfen könne, die menschlichen Grundfragen zu klären (etwa: was es überhaupt bedeute, "Mensch" zu sein). Hingegen sei MF vor allem ein proteisches Genre, das sich zentral um Motive der Veränderung und Verwandlung drehe - ja sogar selbst so fluid sei, dass eine perfekte Definition über vage Rahmenbedingungen hinweg vielleicht niemals möglich sein wird. Das kommt den Autoren des Bandes allerdings sehr gelegen, weil damit schon klar ist: fantastische Literatur gibt es, seit Menschen Geschichten geschrieben haben, die als unmöglich Wahrgenommenes zum Thema haben. Das Feld für Vergleiche und Bezüge zwischen der Antike und der Gegenwart ist damit eröffnet.

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[1] Genau diese Vergleiche zu untersuchen (oder besser: aufzuzählen) übernimmt dann Jesse Weiner im ersten Essay. Anhand G.R.R. Martins A Song Of Ice and Fire, welches an dieser Stelle aber nur exemplarisch für alle High-Fantasy-Reihen (HF) stehe und beliebig austauschbar sei, versucht er, seine These zu belegen, die da lautet:
Weiner (2017) hat geschrieben:I argue that high fantasy is, in many respects, modern-day epic in prose ...
Tatsächlich kann Weiner folgend im Vergleich zwischen Martins HF und diversen klassischen Texten eine ganze Liste an Konventionen aufzählen, derer sich beide Genres, sowohl das klassische Epos (CE) als auch die moderne HF, bedienen. Darunter fallen etwa:
  • die zentrale Bedeutung der Herkunft bzw. des Schicksales eines Landes
  • die Suche als Motiv des Helden
  • das Vorkommen von Magie und Hexerei
  • die schicksalhafte Ordnung der Welt, zugänglich durch Vorherbestimmung und Weissagung
  • die Darstellung von Kulturen mit klaren Regeln der Gastfreundschaft (und deren Brüchen)
  • die Dominanz kriegerischer Themen, inkl. der Heldentaten großer Krieger
  • die Unterdrückung persönlicher Bedürfnisse zugunsten der Bedürfnisse öffentlicher Verpflichtungen
  • das obsessive Verlangen, unvergesslichen und unsterblichen Ruhm zu erlangen
  • die nostalgische Bewunderung längst vergangener, unwiederbringlicher Zeiten
  • die zugleich fremden und doch vertrauten Welten, die durch ähnliche Stilmittel erschaffen werden ("epic distancing")
Darüber hinaus gebe es ästhetische Gemeinsamkeiten, wenn man MF aus der Perspektive der Aristotelischen Stillehre betrachte. So nutze die MF auch heute noch die Regeln, die Aristoteles aufgestellt habe, hinsichtlich
  • des Primates der Handlung gegenüber der Charakterentwicklung
  • der Gestaltung der Helden als moralischer Vorbilder, die dennoch sterblich, naiv, mit Makeln behaftet und sich dessen bewusst sind
  • der sprachlichen Einfach- und damit Zugänglichkeit des Textes
  • der populistischen Vorannahmen über die anvisierte Leserschaft
  • der Länge der Texte (Aristoteles meinte, Epen müssten lang sein)
  • der Konfrontation auch guter und wichtiger Figuren mit moralischen Dilemmata und gefährlichen, ggf. sogar tödlichen Situationen
Angesichts all' dieser Parallelen, die Weiners Eingangsthese zu stützen scheinen, bleibt für ihn jedoch eine wichtige Frage offen: Wieso wird MF heute oft noch immer als "niedere Literatur" angesehen, wenn sie doch so eng mit dem klassischen Epos verwandt ist, während dieses sogar noch in unserern Lehrplänen steht und als hohes Bildungsgut gilt? Hier fragt der Autor nach nichts Geringerem als dem "Great Divide", der spätestens seit der Kritik von Greenberg, Lukacz und Adorno in der Literatur angekommen ist: der Unterscheidung von "Populär-" und "Hoher" Literatur (bzw. -Kunst im Allgemeinen).

Die einzige Antwort, mehr eine Vermutung, die Weiner für diese Spaltung der Literatur geben kann, ist diese: Die große Trennung sei vor allem der Abkehr von der Aristotelischen Lehre und einer damit einhergehenden Neudefinition der Aufgabe von "Hoher Literatur" geschuldet. So habe Aristoteles die Auffassung vertreten, dass hohe Literatur möglichst viele Menschen erreichen und so bilden solle. Dazu seien Dichtung und Drama sogar besonders gut geeignet, da sie das Lernen mittels Repräsentationen ermöglichten. Dieses sei für den Großteil der Bevölkerung leichter und damit Mittel der Wahl. Die Modernisten hingegen führten erst die Idee ein, dass wichtige, ernste, neuartige Literatur die einzige sei, die den Menschen voranbringe - und diese könne nicht zugleich unterhaltend und von der ungebildeten Masse verstehbar sein. Sie stellten dem formelhaften Erzählen der aristotelischen Tradition die experimentelle Literatur der Avantgarde gegenüber und behaupteten, die letztere sei grundätzlich wertvoller als die erste.

Dass sie damit einem elitären, antidemokratischen Bildungs- und Literaturbegriff das Wort redeten, wird in der Postmoderne glücklicherweise zunehmend kritisch betrachtet (etwa von Paulo Coelho, der James Joyces Ulysses als das entlarvt, was es ist: form over substance). Immerhin erscheinen inzwischen immer mehr literaturtheoretische (und auch philosophische) Bücher, die sich die Inhalte der sogenannten Populärkultur aneignen und diese genauer untersuchen. Sicher hat dies auch damit zu tun, dass die heute an den Universitäten Schreibenden eben mit dieser Kultur aufgewachsen sind und sich etwa fragen, was sie aus den Geschichten um Harry Potter oder einigen Hobbits eigentlich gelernt haben.

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Fortsetzung folgt, falls sich mindestens fünf "Danke"-Rückmeldungen ergeben und mir damit signalisiert wird, dass meine Texte auch von Interesse sind.
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Re: Buchvorstellungen und Rezensionen

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 04. Januar 2018, 14:19

Danke für die ermutigenden Rückmeldungen. Der nächste Teil der Rezension folgt so bald wie möglich!
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Re: Buchvorstellungen und Rezensionen

Ungelesener Beitrag von Peyj » 04. Januar 2018, 22:30

Soviel Tippaufwand muss doch zumindest mit nem Danke belohnt werden :)

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Re: Classical Traditions in Modern Fantasy (Teil 2)

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 05. Januar 2018, 15:46

Vielen Dank für die positiven Rückmeldungen zum ersten Teil!
Es folgt Teil 2 der Rezension zu "Classical Traditions in Modern Fantasy".


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[2] Im zweiten Aufsatz des Bandes widmet sich Cecilie Flugt der Behauptung, dass die Hauptinspirationsquellen für MF vor allem in der im 19. Jh. sehr populären folkloristischen und romantischen sowie Märchenliteratur lägen. Zwar sei es unstrittig, dass die MF sich auch Elemente aus diesen Genres angeeignet habe (so etwa den Sinn für Wunder und Absonderliches sowie einige Tropen im Zusammenhang mit Magie) und dass es einen zeitlichen Zusammenhang der Entstehung von MF mit dem Aufkommen insbesondere der deutschen Romantik gebe (den Flugt auch in aller Ausführlichkeit beschreibt), aber die Autorin will dennoch zeigen, dass MF ohne den Einfluss klassischer Literatur nicht denkbar wäre. Ihre Kernthese lautet:
Ceclilie Flugt (2017) hat geschrieben:I argue on the basis of several early modern fantastic texts that several stylistic elements crucial to MF belong primarily to the ancient literary mode of parody.
Um diese These zu belegen verschiebt Flugt zunächst den zeitlichen Rahmen und verlegt die Entstehung der MF vom 19. zurück ins 18. Jahrhundert. Denn tatsächlich seien die ersten modernen fantastischen Texte nicht im Kontext der Romantik, sondern viel früher entstanden - und eben nicht aus einer romantischen Reaktion auf die Aufklärung heraus, sondern als Gesellschaftsparodie schon mitten während und als Teil der Aufklärung. Der entscheidende Texttypus sei hier die imaginäre Reiseliteratur, die im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt hatte - etwa mit Swifts Gullivers Reisen oder Holbergs Niels Kim - aber in der Moderne sogar bis ins 16. Jahrhundert zurückzuverfolgen sei (Thomas More, Utopia, 1516).

Flugt erkennt hier eine direkte Anknüpfung an ähnliche Literatur aus der Antike, etwa Lucians Verae Historiae (dt.: Wahre Geschichten). In beiden Epochen, der Antike so wie in der Moderne, bedienten sich diese fiktiven Reiseerzählungen teils ähnlicher, teils sogar gleicher Mittel, um beim Leser ein Spannungsfeld zwischen Realität und Fiktion zu erzeugen (Vorwort, direkte Ansprache des Lesers, Illusion der Wahrheit, ...) und boten zugleich einen sicheren Weg, auf indirektem - und deshalb ungefährlicherem - Wege Gesellschaftskritik zu äußern. Dass es sich hierbei nicht nur um eine zufällige Parallele handle, lasse sich zudem durch die allgemeine Popularität und die Wiederentdeckung klassischer Stilratgeber während der Aufklärung klar zeigen. Damit wäre die Kernthese des Aufsatzes also wahr: Frühe Texte der MF bedienen sich stylistisch ganz eindeutig und in nennenswertem Umfang bei klassisch-parodistischen Texten.

Klingen diese Ergebnisse allesamt noch nachvollziehbar, wirken Flugts restliche Ausführungen dann allerdings überraschend vage und konstruiert. In zwei knappen abschließenden Absätzen versucht sie nun den Bogen zurück ins 19. Jh. zu schlagen und möchte zugleich eine neue theoretische Sichtweise auf das Verhältnis von "verzauberter" und "entzauberter" Welt eröffnen. So sucht sie zunächst nach allen noch so kleinen parodistischen Elementen bei E.T.A. Hoffmann und Hans-Christian Andersen, um hier ein Fortwirken der klassischen Tradition in MF zu belegen, muss aber schließlich selber eingestehen, dass die verbindenden Fäden extrem dünn sind. Zum Schluss versucht die Autorin noch die Frage in den Fokus zu rücken, inwieweit wir heute annehmen dürfen, dass die Leser früher MF deren Illusionen (od.: "Zauber") überhaupt durchschaut haben, also inwieweit die Leserschaft übernatürliche und irrationale Elemente in der Welt annahm. Für die behaupteten parodistischen Einflüsse der MF keine ganz unwichtige Frage. Allerdings wäre das eher ein Thema für einen zweiten Aufsatz als für einen abschließenden Abschnitt gewesen.

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[3] Die Frage, der sich die Kunsthistorikerin Genevieve S. Gessert in ihrem Essay widmet, kann man grob wie folgt zusammenfassen: Welchen Einfluss hatten antike Elemente auf die Bildsprache von Henry Justice Ford, dessen Illustrationen zu Andrew Langs Büchern unter anderem C.S. Lewis und J.R.R. Tolkien - und damit die gesamte MF - massiv beeinflusst haben? Eine Antwort erhofft sich die Autorin (1) von einer Untersuchung der Prä-Raffaelitischen Auseinandersetzung mit antiken Modellen und (2) von einer daran anschließenden Analyse des Prä-Raffaelitischen Einflusses in Langs Arbeit. Insbesondere ist Gessert daran interessiert wie Ford eine Mischung aus antiker und mittelalterlicher Ästhetik für seine Visualisierungen nutzt.

Lehrreich ist allerdings nur der erste Teil ihres Aufsatzes, in dem die Autorin anhand des willkürlichen, ursprünglichen Kanons der Prä-Raffaeliten die selbst zugeschriebenen Einflüsse dieser Bewegung beleuchtet - darunter Homer und Pheidias als einzige antike Vertreter. Dies deute zunächst darauf hin, dass Rossetti, Hunt und die anderen Mitglieder dieser Strömung sich nur für ihre narrativen und visuellen Grundstrukturen in der Antike bedienten, inhaltlich aber mittelalterlich-christliche Themen bevorzugten. Doch dieses Selbstbild hält einer genaueren Untersuchung nicht stand, wie Gessert zeigt: Das Werk der wichtigsten prä-raffaelitischen Künstler sei vielmehr durchzogen von antiken Einflüssen, sowohl was Figuren, historische Recherche, Komposition, Symbolik und den zeichnerischen Realismus betreffe, der gerade durch die Studien an griechischen Plastiken überhaupt erst eingeübt worden sei.

Insbesondere in der folgenden biografischen Auseinandersetzung mit Ford wird dann deutlich, dass die Künstler des viktorianischen Zeitalters sich diesem antiken Einfluss auch gar nicht entziehen konnten, weil sie alle nach diesem Vorbild erzogen und geschult worden waren. So sehr sie sich auch von der Antike abwenden und das christliche Mittelalter in den Fokus stellen wollten, konnten sie dem klassisch-antiken Rahmen nicht entkommen. So sehr sie sich auch als Prä-Raffaeliten verstanden, so waren antike Themen und Texte in ihrer Zeit extrem beliebt und wollten illustriert werden. Es sei so eine Mischung aus antiker Erziehung und Prä-Raffaelitischem Selbstanspruch entstanden, den die Autorin "fractured classicism" nennt. Diese Mischung sei wiederum prägend für das ganze Viktorianische Zeitalter gewesen, womit sich die Katze letztlich in den Schwanz beißt: Die im Fokus stehenden Künstler konnten also gar nicht anders, weil sie nichts anderes waren als Kinder ihrer Zeit, die die Begeisterung für die Antike mit dem Interesse am christlichen Mittelalter verband und einen kulturellen, stilistischen Dualismus begründete, der später prägend wurde, was MF betraf. Oder kurz: Tolkien und Lewis wuchsen in einer Zeit auf, in der zwei kulturelle Sphären eine spannende Mischung eingingen, die dann prägend für ihre eigene und so indirekt auch für die gesamte spätere MF wurde.

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Teil 3 der Besprechung folgt am 12.01., wieder mind. fünf Reaktionen auf diesen Teil vorausgesetzt. ;)
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Re: Buchvorstellungen und Rezensionen

Ungelesener Beitrag von Dis Pater » 22. August 2018, 09:11

Ich hab für meinen Blog einen neuen Artikel zur Reihe "Lovecraft und die Antike" geschrieben. Vielleicht sind ja für den ein oder anderen neue Infos dabei?
https://disinvictis.wordpress.com
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